Sie

Kommentare 3

Sie hatte Augen,  so ausdrucksstark und man meinte, dass sich Träume darin spiegelten, es war  nicht von Bedeutung, welche Farbe diese Augen hatten. Ich glaube, sie waren blau, irgendwie hellblau, aber doch kräftig. Es waren Augen, denen man nicht ausweichen kann, die einen fesseln, obwohl sie nicht angsteinflößend eisblau waren, sondern eher ein helles Meeresblau, in denen man sanfte Wellen vermutet. Sie saß vor mir, mit dem Kopf zu mir, die Augen blickten träumerisch aus dem Zugfenster, die Landschaft vorbeirauschend. Ihre dunkelblonden Haare waren zu einem leichten Knoten im Nacken zusammengebunden, ihr Gesicht war zart, fast zerbrechlich. Sie war nicht blass, nicht braun, genau mittendrin. Sommersprossen hätten gut zu ihr gepasst, vielleicht wären von der Nähe welche sichtbar gewesen, aber ich konnte sie nicht entdecken. Sie erinnerte an den Moment in „Titanic“, die beiden Liebenden auf dem Schiffsdeck, die berühmten seitlich ausgestreckten Arme, die die absolute Freiheit signalisieren. Ihr Blick ließ mich Geschichten erfinden, über ihre Träume philosophieren, mir ihr Lebensziel vorzustellen. Innerlich suchte ich nach Worten, sie zu beschreiben, mehrmals trafen sich unsere Blicke, lang und intensiv. Nie kam ein Lächeln über unsere Lippen, es war, als würden sich unsere Augen verständigen, sie wirkte stark und doch so traurig. Nach einer Weile stillen Nachdenkens stöpselte ich mir Musik in die Ohren und erfand unendliche Geschichten, mit ihr als Hauptrolle. Ich spielte mit den Gedanken, die durch meinen Kopf rasten, bastelte mir meine eigene Vorstellung von dieser Person. Sie war frei von Vorurteilen, frei von allem. Nur sie und meine Geschichten in meinem Kopf, ich schloss meine Augen und der Film war längst voller Details, die Musik in meinen Ohren war die Filmmusik, und als ob es die Abspielliste wusste, passte jedes meiner Lieblingslieder zu den Situationen, in denen sie der Hintergrund sein durften. Irgendwann öffnete ich meine Augen, sie war weg. Ausgestiegen, irgendwo, ich hatte ganz versäumt, dass wir einmal gehalten haben.

Plötzlich stellte sich diese Leere ein, die Gedanken blieben allmählich stehen, ich ließ das letzte Lied noch zu Ende spielen, drückte dann auf den Pause-Knopf, es war, als hätte ich diesen Knopf auch in meinem Kopf gedrückt. Ich war frei von Gedanken, frei von Außeneindrücken, meine Augen suchten ihre meeresblauen Gegenspieler, fanden sie nicht mehr. Einen Moment lang hoffte ich, dass sie nur auf der Toilette war, und gleich wieder in meine Augen blicken würde, ich fühlte mich ein bisschen naiv, bisschen wie ein kleines Kind, das hofft, dass ein toter Regenwurm nach einer ausgiebigen Dusche aus der Gießkanne wieder weiterrobben würde.
Nach einiger Zeit setzte mein Kopf die Gedankenproduktion wieder fort, ich sah ihr Gesicht vor mir, nur innerlich, es war kein Zweifel mehr daran, dass sie den Zug verlassen hatte, denn ihren Platz hat ein älterer Herr eingenommen. Ich fühlte mich leicht, träumerisch und ich dankte ihr, für irgendetwas, das sie in mir ausgelöst hatte.

Kategorie: Words

von

hi, i'm Rebecca, a twentysomething on the road of life. I work as a kindergartenteacher and love playing around with words and pictures. find me on facebook or pinterest!

3 Kommentare

  1. Raffl sagt

    Wenn man verträumte Texte lesen kann, ohne dass man sich auch nur im geringsten langweilt, dann sind die gelungen und gut geschrieben^^ Lediglich der Satz „Einen Moment lang hoffte ich, dass sie nur auf der Toilette war,…“ hat mich doch recht aus den Schienen geschleudert, aber vielleicht isses nur meine überdrüber Vorstellungskraft xD

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

:(( ;) *daumenoben* *coffee* *beer* :D :* *daumenunten* more »